"documenta 2017": Haut trifft Kunst in Kassel

KASSEL (blu) – „Bitte berühren“ macht Station auf der „documenta“ in Kassel, alle fünf Jahre Metropole für zeitgenössische Kunst. Dabei zeigten Pablo Zibes und Ernesto Isidoro in kurzen Spielszenen ohne Worte, wie Schuppenflechte auf das soziale Umfeld wirkt.

Ein überdimensionaler Kopf ist der Publikumsmagnet auf dem Kasseler Opernplatz. Er zeigt fotorealistisch typische Spuren lebenslanger UV-Sonnenstrahlung. Die Wirkung ist verblüffend. Von Berührungsängsten keine Spur. Viele inspizieren das Modell mit Blicken zunächst von weitem, treten näher, betasten neugierig die lebensecht wirkende Schädelnachbildung.

Die Wirkung ist verblüffend. Von Berührungsängsten keine Spur. Viele inspizieren das Modell mit Blicken zunächst von weitem, treten näher, betasten neugierig die lebensecht wirkende Schädelnachbildung.Passanten, darunter viele Documenta-Touristen und auch Jugendliche, schießen Selfies: Sie schicken ihre Bilder des Kunstevents hinaus in alle Welt.

Die Botschaft wird auch ohne viele Worte unmittelbar verstanden: „Solche Hautveränderungen habe ich auch.“ Und: „Ist das Hautkrebs?“ stellt so mancher fest – und schon ist er im Gespräch mit Umstehenden, darunter auch Mitglieder der örtlichen Patientenselbsthilfe und Mitarbeiter des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen, der dieses Event organisiert hat.

Das Kopfmodell benötigt wie seine lebendigen Vorbilder UV-Schutz und ist usicher unter einem Zeltdach untergebracht. Alle 20 Minuten mutiert er auf dem Kasseler Opernplatz errichtete 25 Quadratmeter große Pavillon zur Bühne. Pablo Zibes und Ernesto Isidoro – zwei aus Spanien stammende renommierte Pantomimen – zeigen an diesem Samstagvormittag in kurzen Spielszenen ohne Worte wie Schuppenflechte wirkt. Beim Treffen auf der Straße, im Omnibus, am Strand gehen Mitmenschen auf Distanz, wenn sie bei ihrem Gegenüber entzündliche Hautveränderungen feststellen.

Hinter diesen pointierten Spielszenen stecken eigene Erfahrungen aus dem unmittelbaren Umfeld der Künstler. „Es ist wirklich beklemmend für Betroffene auf der Straße mit abwertenden Blicken beäugt zu werden. Mir ist es daher auch ein persönliches Anliegen, auf das Problem der Stigmatisierung von Menschen mit Schuppenflechte aufmerksam zu machen“, so Pablo Zibes.

„Nein, ich habe damit nichts zu tun“ oder: „Ich kenne niemanden mit Schuppenflechte“, heißt es meist auf neugierige Nachfrage bei den Passanten rund um den Pavillon. Kein Wunder: Nur jeder vierzigste Bundesbürger leidet an einer Psoriasis. Doch es kommen auch einige Betroffene an diesem Samstag zum Kunstevent und suchen den Austausch. Für sie alle gibt es Flyer von der bundesweit größten Schuppenflechtekampagne „Bitte berühren“ und den Hinweis auf den Web-Auftritt der Kampagne mit vielen weiteren Informationen rund um das Thema Psoriasis.

„Meine Schuppenflechte verläuft in Wellen“, berichtet einer. Anders als bei seinem Gesprächspartner von der Selbsthilfe, wird bei ihm die Entzündung auch in den Sommermonaten oder unter einer UV-Bestrahlungstherapie nicht besser – eher im Gegenteil, so sein Eindruck. Ein anderer berichtet vor laufender Kamera einem Filmteam, von der durchschlagenden Wirkung einer Biologika-Therapie nach einem zwanzigjährigen Leidensweg.

Einmal mehr macht die Kampagne „Bitte berühren – gemeinsam aktiv gegen Schuppenflechte“ – diesmal anlässlich der „documenta“ mit künstlerischen Mitteln – auf der Straße darauf aufmerksam, dass Betroffene körperlich und zugleich auch seelisch leiden, wenn ihre Mitmenschen auf Distanz gehen. Anderseits informiert sie auch über Lösungswege und die neuen Therapiemöglichkeiten, die Hautärzte heute anbieten können.