Kö-Lauf 2016: „Darf ich das mal anfassen?“

DÜSSELDORF – „Am unaufgeregtesten reagierten die Kinder“, findet Prof. Andreas Meyer-Falcke. „Die haben gefragt: ‚Darf ich das mal anfassen?’ Oder: ‚Tut das weh?’“ Die Erwachsenen hätten eher Abstand gehalten. Beim Versuch einen Zehn-Euro-Schein zu wechseln, wurde der Gesundheitsdezernent der Stadt Düsseldorf auch schon einmal abgewimmelt.

Anschaulich schildert Meyer-Falcke erste persönliche Erfahrungen mit „seiner“ Schuppenflechte, verstärkt durch riesige Lautsprecher, die unüberhörbar das Zentrum der Landeshauptstadt beschallen. Rund 15.000 Passanten werden Ohrenzeuge, Zaungäste des sonntäglichen Kö-Laufs, eines Halbmarathon entlang der beliebten Einkaufsmeile.

Meyer-Falckes Schuppenflechte ist ein Artefakt, aufgetragen von Ralf Bauer, einem Maskenbildner und Künstler, speziell für diesen einen Tag. Die spektakuläre Selbsterfahrung hat ein Ziel: Sie soll helfen, durch Interaktion die Barrieren zu durchbrechen, mit denen sich Menschen mit Psoriasis immer wieder auseinandersetzen müssen. „Die Haut hat keine Lobby," erklärt Christine Schüller. Das will die Selbsthilfegemeinschaft Haut (SHG) ändern, deren 1. Vorsitzende sie ist. Daher die ungewöhnliche Schminkaktion, daher unterstützt die SHG auch die bundesweite Kampagne „Bitte berühren“.

Christine Schüller und ihre Mitstreiter haben an diesem Tag gleich hinter dem Zieleinlauf gemeinsam mit der AOK einen Pavillon aufgebaut. Beim Kö-Lauf geht die SHG mit einem eigenen Läuferteam „Haut erleben“ an den Start, kenntlich am 2-Quadratmeter-Haut-Logo auf der Brust. Mit dabei auch zwei Dermatologen, Prof. Peter Kurschat aus Köln und sein Kollege Dr. Jörg Fränken aus Schwelm.

Die SHG hatte im Vorfeld mit Erfolg um ideele Unterstützer geworben, um so auf die Stigmatisierung durch Hauterkrankungen aufmerksam machen zu können,  Und während auf der KÖ die Läufer ihre Runden ziehen, schlägt Bauer die Aufmerksamkeit der Passanten mit einer zweiten Aktion in seinen Bann: Er bemalt eine junge Frau von Kopf bis Fuß so, dass sie eins wird mit einem Baum gleich neben dem Pavillon – Sinnbild für einen „Perspektivwechsel“: In der künstlerischen Bearbeitung der Haut verlieren Borken und Krusten ihre entstellende Wirkung. An die Stelle von Verunsicherung und Abkehr tritt die Neugier und das Interesse der Zuschauer.

Rund 15.000 Düsseldorfer leiden nach einer überschlägigen Berechnung Prof. Meyer-Falckes an einer Schuppenflechte. „Wenn wir es nicht schaffen, mit diesen hautkranken Menschen so umzugehen, wie ich es auch als Gesunder erwarte, dann haben wir alle ein Problem,“ so seine Überlegung. „Wenn kranke Menschen Stigmatisierung erfahren, dürfen wir uns nicht wundern, das sie immer kränker werden. Denn Psyche und Körper gehören zusammen,“ so der „Gesundheitsminister“ der Stadt Düsseldorf.