Der Psyche mehr Beachtung schenken

Interview zum Zusammenhang von Psoriasis und Depression

Die Psoriasis wird heute als komplexe Systemerkrankung verstanden. Störungen im Fettstoffwechsel, Herz-Kreislauferkrankungen, Gelenksentzündungen oder Diabetes zählen zu den mit einer Schuppenflechte verbundenen Begleiterscheinungen. „Im Vergleich zu anderen mit der Psoriasis assoziierten Begleiterkrankungen wurde der Psyche bislang zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet,“ beschreibt Prof. Ulrich Mrowietz eine Herausforderung für den behandelnden Hautarzt wie für den Patienten.

Mögliche Folge: Depressive Verstimmungen werden nicht mit der Schuppenflechte unmittelbar in Verbindung gebracht und folglich bei der Therapie nicht genügend beachtet. Dazu ein Interview mit dem Leiter des Psoriasis-Zentrums an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel.

Frage: Welche Aspekte tragen Ihrer Meinung nach besonders dazu bei, dass so viele Menschen mit Schuppenflechte zusätzlich auch an einer De- pression erkranken?

Prof. Ulrich Mrowietz: Das sind in meinen Augen zwei wichtige Aspekte: Die erlebte Stigmatisierung, aber auch die Probleme, die im familiären und häuslichen Umfeld durch die Schuppenflechte entstehen, wie z. B. eine mögliche soziale Isolation. So laden Familien, in denen jemand an Schuppenflechte leidet, häufig keine Freunde zu sich nach Hause ein aus Angst, die Freunde würden den Haushalt als dreckig empfinden, weil vielleicht Schuppen herumliegen könnten. Diese Umstände können mit dazu beitragen, dass Patienten eine Depression entwickeln. Das ist die eine Seite.

Die zweite Seite basiert mehr auf der Grundlage der Entstehungsgeschichte einer Schuppenflechte, denn Schuppenflechte ist eine systemische Entzündungskrankheit. Wir wissen heute, dass Entzündungszustände bzw. -erkrankungen, die mit multisystemischer Entzündung einhergehen – d. h. die Entzündung ist nicht nur auf ein Organ wie die Haut beschränkt, sondern im ganzen Organismus vorhanden – häufig auch depressive Verstimmungen, Depressionen oder auch Angststörungen nach sich ziehen. Ich glaube, das ist auch eine ganz wichtige Verbindung zwischen Depression und Psoriasis, vor allem bei Menschen mit schwererer Schuppenflechte.

Frage: Wo liegen dei Ursachen für eine solche Entwicklung

Prof. Mrowietz: Die Komponente Entzündung bietet von vorneherein eine Grundlage für etwas, das im Englischen als „sickness behavior“ bezeichnet wird. Sie be- schreibt eine unspezifische Begleiterscheinung einer Entzündung, die sich darin äußert, dass sich die Patienten einfach schlecht fühlen, schwach und lustlos. Jeder kann sich das so vorstellen: Wenn Sie eine schwere Grippe mit hohem Fieber über zwei oder drei Tage gehabt haben, diese Grippe eigentlich schon überstanden ist, Sie sich aber trotzdem noch drei, vier Tage danach psychisch down fühlen, dann spricht man von „sickness behavior“. Grund dafür sind Zytokine, die im Rahmen dieser Fieberreaktion ausgeschüttet werden, insbesondere Interleukin(IL)-6 und Tumornekrosefaktor(TNF)-Alpha.

Und was folgt daraus für die eigentliche Therapie?

Prof. Mrowietz: Von einer manifesten Depression sollte man erst dann sprechen, wenn nach den Kriterien des Psychiaters oder psychologischen Psychotherapeuten eine Depression vorliegt. „Krankheitserleben“ können wir vielleicht mit dem Begriff „sickness behavior“ umschreiben und zusätzlich einführen. Die Entzündungskomponente und diese Besonderheit des „sickness behavior“, die auch in der Literatur abgebildet ist, halte ich für ganz wichtig. Es könnte sinnvoll sein, den Begriff „Depression“ für unsere Patienten vielleicht sogar etwas zu erweitern oder diese depressiven Phasen unter diesem Aspekt zu betrachten.

Dieses Interview entstand mit freundlicher Unterstützung von Lilly Pharma Deutschland.