Der Mensch unter der Haut zählt

Kai Pitzer geht selbstbewusst mit seiner Schuppenflechte um: „Was zählt, ist der Mensch unter der Haut.“ Damit möchte der 25-Jährige anderen Betroffenen Mut machen und ihnen den Rücken stärken.

Kai Pitzer

Seit seinem zwölften Lebensjahr leidet Kai an Psoriasis und stößt wie die meisten der rund 2 Millionen Betroffenen in Deutschland häufig auf Ablehnung und angewiderte Blicke. Den Kopf in den Sand zu stecken, kam für ihn aber nicht infrage. „Die Schuppenflechte machte mich robuster. Heute lebe und genieße ich mein Leben trotz Psoriasis. Gerne würde ich anderen Betroffenen helfen, ihnen von meinem Leben mit der Schuppenflechte erzählen und ihnen Mut machen“ – mit diesen Worten kontaktierte der junge Mainzer Bitte berühren. Hier ist die ganze Geschichte.

Mit zwölf Jahren beginnt die Odyssee

Als sich bei Kai im Alter von zwölf Jahren erste Rötungen und Schuppen zeigen, nimmt der Hausarzt an, es handele sich um Neurodermitis. Die für Schuppenflechte typischen Symptome zeigen sich bei Kai nicht an den üblichen Stellen wie Ellenbogen und Knien, sondern großflächig an Bauch, Brust und Rücken. In der Familie ist außer ihm niemand betroffen. Da die Symptomatik bei Kindern oft nicht ganz eindeutig ist, sind Fehldiagnosen in diesem Zusammenhang keine Seltenheit. So vergehen etliche Jahre, bis schließlich eine benachbarte, bereits pensionierte Hautärztin erkennt, dass Kai an Psoriasis leidet.

Psoriasis-Betroffener Kai am Meer

Bis heute gibt es nur wenige Medikamente gegen Psoriasis, die für Kinder zugelassen sind. Zum Einsatz kommen bei Kai trotz des starken Befalls zunächst lediglich eine harnstoffhaltige Creme, später eine kortisonhaltige Salbe und, als Kai 16 ist, Tabletten. Als der junge Patient sie nicht verträgt, folgt ein Therapieversuch mit anderen Tabletten, doch auch die helfen nicht. Viele Leser werden sich wiedererkennen, denn Kai Pitzers Geschichte ist typisch für Psoriasis-Patienten, die oft immer wieder neue Mittel ausprobieren und viele Anläufe nehmen müssen, bis sie eine Therapie finden, die ihnen langfristig hilft.

Die schlimmste Zeit – und am Ende das Beste

Im Oktober 2014 kommt Kai Pitzer in die Zulassungsstudie für ein neuartiges Biologikum. Um teilnehmen zu können, muss er alle bisherigen Medikamente absetzen. Nur Feuchtigkeitscremes sind erlaubt. Kai ist sich sicher, dass er in der Placebo-Gruppe gelandet ist: Sein Zustand verschlechtert sich rapide, der PASI geht von 20 auf 40–43!

„Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt Kai. „Ich war gerade dabei, meine Ausbildung als Mechatroniker abzuschließen und stand wenige Wochen vor der mündlichen Abschlussprüfung. Ich war von Schuppen übersät. Mein Gesicht sah furchterregend aus. Schon bei den Vorbereitungen für meine praktische Abschlussarbeit war ich in der Werkstatt zusammengebrochen – nervlich am Ende.“

„Meine Eltern haben in mir immer den Menschen unter der Haut gesehen.“

„Da sagte mir mein Ausbilder – Kai, deine Erkrankung und deine Arbeit, das sind zwei Dinge. Du bist ein sehr guter Mechatroniker und du schaffst es, dein Ausbildungsprojekt zu Ende zu bringen. Du und ich, wir machen das jetzt!“ Nicht nur sein Ausbilder und die Kollegen halten zu ihm, vor allem auch auf seine Eltern kann Kai sich verlassen. „Meine Eltern haben in mir immer den Menschen unter der Haut gesehen. Deshalb ist aus mir trotz oder vielleicht sogar wegen meiner Schuppenflechte eine starke Persönlichkeit geworden.“

In Woche 16 der Studie, am 2. Januar 2015, erhält Kai das Biologikum, den neuen Wirkstoff. Nach acht Tagen zeigt seine Haut nur noch leichte Rötungen. Am Tag der mündlichen Prüfung, am 15. Januar, ist er erscheinungsfrei. Die Prüfung besteht er mit der Bestnote, einer Eins.

„Das sind Gefühle, die ich niemals vergessen werde“, sagt Kai rückblickend. „Aber es war, als ob irgendetwas fehlen würde. Meine Schuppenflechte war ja ein Teil von mir gewesen. Ich musste mich daran gewöhnen.

„Es war, als ob irgendetwas fehlen würde. Meine Schuppenflechte war ja ein Teil von mir gewesen.“

Hatten mich die Leute zuvor angegafft und wie einen Aussätzigen behandelt, war ich jetzt auf einmal nicht mehr Mittelpunkt angewiderter Blicke. Ich fühlte mich irgendwie anonym. Und das war mir sehr angenehm, ein Hochgefühl!“

Schuppenflechte als Teil von sich akzeptieren

Auch nach Abschluss der Studie kann Kai die Behandlung mit dem Medikament fortsetzen, hin und wieder ergänzt durch Lokaltherapien. Denn Mitte 2018 kommt die Schuppenflechte zurück, wenn auch nur mit wenigen kleinen Stellen am Bauch und über der rechten Augenbraue. Kai Pitzer hat sich mit ihr arrangiert. In der erscheinungsfreien Zeit ist er noch weiter gereift, wie er sagt. Er kann die Erkrankung als einen Teil von sich akzeptieren. „Ich ziehe nach wie vor ungern mein T-Shirt aus“, räumt er ein, „Aber Kappen würde ich nicht mehr tragen, um die Schuppen in meinem Haaransatz zu verdecken, so wie früher.“ Kai geht selbstbewusst mit der Schuppenflechte um: Wird er komisch angeguckt, blendet er die Gaffer aus – er nimmt sie nicht zur Kenntnis.

Psoriasis-Betroffener Kai im Urlaub, er hat sich mit der Schuppenflechte arrangiert

„Als ich zwölf war, hatte ich keine Probleme“, sagt Kai. „Die Kinder haben alles akzeptiert. In der Pubertät aber, da war das anders. In der Umkleide vor dem Sportunterricht haben Mitschüler mich angeglotzt und „Schuppi“ oder „Echse“ genannt.“

„In der Umkleide vor dem Sportunterricht haben Mitschüler mich angeglotzt und ‚Schuppi‘ oder ‚Echse‘ genannt.“

Im Großen und Ganzen aber erfährt er keine starke Ausgrenzung. Er zieht sich auch nicht zurück, sondern macht bei allem mit, was junge Leute halt so machen. Klar gibt es auch Mädchen, gibt es Enttäuschungen, aber auch schöne Begegnungen. Als Kai in der Ausbildung bei der Arbeit auf einer Leiter das T-Shirt hochrutscht, reagiert sein Ausbilder beim Anblick der Schuppen schockiert und will wissen, was der junge Mann hat. „Mir ist lieber, dass die Leute mich fragen, was ich habe, als dass sie mich meiden“, kommentiert Kai.

„Wenn ich erkläre, was Schuppenflechte ist – und damit habe ich kein Problem – verstehen die Menschen das und verlieren die Angst, sie hätten es womöglich mit einer schlimmen ansteckenden Krankheit zu tun. Natürlich bin ich durch gute und schlechte Phasen gegangen, hatte aber das Glück, dass meine Eltern und meine engen Freunde mich immer unterstützt und mir das Gefühl gegeben haben, ich würde ganz normal aussehen. So bin ich zu einem selbstbewussten, aufgeschlossenen Menschen geworden. Ich scheue auch den großen Auftritt nicht, trage gerne etwas vor und rede frei. Als Vertreter der Auszubildenden habe ich vor 400 Menschen gesprochen. Die Schuppenflechte hat mich robuster gemacht als ich ohne sie gewesen wäre.“

„Die Schuppenflechte hat mich robuster gemacht als ich ohne sie gewesen wäre.“

Uns kann man berühren!

Psoriasis-Betroffener Kai akzeptiert die Schuppenflechte als Teil von sich

„Gerne würde ich anderen Psoriasis-Betroffenen aus meiner Jugend erzählen, vom oft absolut falschen Verhalten fremder Personen mir gegenüber, davon wie ich damit umgegangen bin und wie ich mein Leben trotzdem leben und genießen konnte. Ich möchte ihnen helfen und den vielleicht nicht so Selbstbewussten den Rücken stärken. Der Gesellschaft zeigen: Uns kann man berühren!“

„Eine Freundin fand die perfekten Worte dafür: Der Mensch unter der Haut zählt. Diese Haltung müssen noch viele Menschen lernen, die oberflächlich denken und uns für ‚Pestopfer‘ halten.“