Warum Menschen mit Skin of Color häufiger vor besonderen Herausforderungen stehen
Bitte berühren: Frau Dr. Singh, warum ist das Thema Skin of Color in der Dermatologie so wichtig?
Dr. Rashmi Singh: Viele Hauterkrankungen zeigen sich auf dunkler Haut anders als auf heller Haut. Das gilt auch für Neurodermitis. Während bei hellen Hauttypen Rötungen oft ein typisches Anzeichen einer Entzündung sind, können sie bei dunkler Haut deutlich weniger sichtbar sein oder ganz fehlen. Stattdessen wirkt die Haut eher grau, violett oder dunkler pigmentiert. Dadurch wird die Erkrankung manchmal später erkannt oder sogar mit anderen Hauterkrankungen verwechselt.
Neurodermitis ist mehr als eine sichtbare Rötung
Bitte berühren: Welche Besonderheiten sehen Sie bei Neurodermitis auf dunkler Haut?
Dr. Rashmi Singh: Die Entzündung kann sich ganz anders präsentieren. Gerade bei Kindern sehen wir manchmal nur Papeln, das sind kleine follikuläre Hautveränderungen – also winzige Erhebungen um die Haarfollikel – obwohl der Juckreiz sehr ausgeprägt ist. Auch Verdickungen der Haut oder Pigmentveränderungen können stärker im Vordergrund stehen als die klassische Rötung. Wer diese Unterschiede nicht kennt, kann die Erkrankung leichter übersehen.
Warum fällt die Diagnose manchmal schwer?
Bitte berühren: Liegt das vor allem an den unterschiedlichen Hautveränderungen?
Dr. Rashmi Singh: Das ist ein wichtiger Grund. Hinzu kommt, dass viele Ärztinnen und Ärzte während ihrer Ausbildung nur wenige Bilder dunkler Hauttypen sehen. Dermatologische Lehrbücher und Fortbildungen zeigen überwiegend helle Haut. Dadurch fehlt häufig die Erfahrung, Hauterkrankungen bei Menschen mit Skin of Color sicher zu erkennen. Das ist kein individuelles Versäumnis einzelner Ärztinnen und Ärzte, sondern ein strukturelles Problem, an dem wir arbeiten müssen.
Welche Folgen kann das für Betroffene haben?
Bitte berühren: Was bedeutet das im Alltag für Patientinnen und Patienten?
Dr. Rashmi Singh: Wird Neurodermitis später erkannt oder unterschätzt, kann sich die Erkrankung unnötig verschlechtern. Außerdem erleben viele Betroffene nach einem Schub länger anhaltende Pigmentveränderungen. Diese sogenannte postinflammatorische Hyperpigmentierung kann Monate oder sogar länger sichtbar bleiben und wird häufig als sehr belastend empfunden. Die sichtbare Hyperpigmentierung führt zu Schamgefühlen, einem verminderten Selbstwertgefühl und Unsicherheit im sozialen Umfeld. Für viele Menschen ist das nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern wirkt sich erheblich auf das Selbstbewusstsein und die Lebensqualität aus.
Wird die Erkrankung manchmal unterschätzt?
Bitte berühren: Gibt es Besonderheiten bei der Beurteilung der Krankheitsaktivität?
Dr. Rashmi Singh: Ja. Einige Bewertungssysteme für Neurodermitis berücksichtigen die sichtbare Rötung besonders stark. Wenn diese auf dunkler Haut weniger ausgeprägt erscheint, kann die Erkrankung insgesamt milder wirken, als sie tatsächlich ist. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Haut anzusehen, sondern auch Symptome wie Juckreiz, Schlafstörungen und die Einschränkung der Lebensqualität in die Therapieentscheidung einzubeziehen.
Gibt es ausreichend spezialisierte Angebote?
Bitte berühren: Wo finden Betroffene Unterstützung?
Dr. Rashmi Singh: Leider gibt es bislang nur wenige spezialisierte Angebote. Ein bekanntes Beispiel ist die Skin-of-Color-Sprechstunde an der Charité. Insgesamt brauchen wir jedoch mehr regionale Anlaufstellen und eine bessere Vernetzung, damit Patientinnen und Patienten bei komplexen Fragestellungen gezielt überwiesen werden können.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Bitte berühren: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Dr. Rashmi Singh: Zum einen brauchen wir mehr Forschung. Menschen mit Skin of Color sollten stärker in klinischen Studien vertreten sein, damit wir besser verstehen, wie sich Erkrankungen und Therapien in unterschiedlichen Hauttypen verhalten. Zum anderen müssen Ausbildung und Fortbildung verbessert werden. Je früher Dermatologinnen und Dermatologen lernen, Hauterkrankungen auf allen Hauttypen sicher zu erkennen, desto besser können wir Betroffene versorgen.
Welche Tipps möchten Sie Menschen mit Neurodermitis und Skin of Color mitgeben?
Dr. Rashmi Singh: Sprechen Sie offen über Ihre Beschwerden und darüber, wie stark die Erkrankung Ihren Alltag beeinflusst. Wenn Sprachbarrieren bestehen, können Dolmetscherinnen, Dolmetscher oder digitale Übersetzungshilfen hilfreich sein. Und wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Hautveränderungen nicht richtig eingeordnet werden oder Sie sich mit Ihrer Erkrankung nicht ausreichend verstanden fühlen, kann es sinnvoll sein, eine spezialisierte Sprechstunde aufzusuchen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Neurodermitis kann auf dunkler Haut anders aussehen als auf heller Haut.
- Typische Rötungen sind häufig weniger sichtbar; Pigmentveränderungen oder andere Entzündungszeichen können im Vordergrund stehen.
- Eine spätere Diagnose oder Fehleinschätzung kann die Behandlung erschweren.
- Nach Entzündungen treten häufig länger anhaltende Hyperpigmentierungen auf, die die Lebensqualität beeinträchtigen können.
- Mehr Forschung, bessere Ausbildung und spezialisierte Angebote sind wichtige Schritte für eine gerechtere dermatologische Versorgung.