Die Psychodermatologie setzt genau an dieser Schnittstelle an. Sie betrachtet Haut und Psyche nicht getrennt, sondern als miteinander verbundene Bereiche. Welche Möglichkeiten psychodermatologische Angebote bieten, welche Rolle digitale Unterstützung spielen kann und was sich in der medizinischen Versorgung verändern muss, erklärt die Leiterin der Initiative HautKompass® PD Dr. Rachel Sommer im Interview.
Psychodermatologie: Was kann sie leisten?
Psychologische Unterstützung ist im Alltag häufig schwer zugänglich. Wie kann Psychodermatologie helfen – und wo liegen die Grenzen?
Psychodermatologie beschäftigt sich mit dem engen Zusammenspiel von Haut und Psyche. Dass beide Bereiche miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen, ist heute wissenschaftlich gut belegt.
Chronische Hauterkrankungen belasten Betroffene häufig nicht nur körperlich. Sie können sich beispielsweise auch auf das Selbstwertgefühl, soziale Beziehungen und die psychische Gesundheit auswirken.
Psychodermatologische Angebote können dabei helfen, solche Belastungen gezielt anzugehen. Häufig kommen Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie zum Einsatz. Sie unterstützen dabei, belastende Gedankenmuster zu erkennen und hilfreiche Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Auch Stressbewältigung und Emotionsregulation spielen eine wichtige Rolle. Stress kann Entzündungsprozesse und Symptome verschiedener Hauterkrankungen beeinflussen.
Zunehmend gewinnen außerdem Ansätze wie Selbstmitgefühl an Bedeutung. Dabei lernen Betroffene, sich selbst mit mehr Verständnis und weniger Selbstkritik zu begegnen – insbesondere in Situationen, in denen sichtbare Hautveränderungen Scham oder Unsicherheit auslösen können.
Weitere Möglichkeiten sind Achtsamkeitsübungen, Akzeptanzstrategien sowie der Aufbau von Resilienz und Selbstwirksamkeit. Ziel ist nicht nur, psychische Belastungen zu reduzieren. Betroffene sollen auch Fähigkeiten entwickeln, die ihnen helfen, mit ihrer Erkrankung im Alltag umzugehen und ihre Lebensqualität langfristig zu verbessern.
Die Angebote sind unterschiedlich. Für einige Erkrankungen gibt es aktive Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen. An dermatologischen Zentren und Universitätskliniken stehen teilweise Konsiliarpsychologinnen und -psychologen oder psychosomatische Dienste zur Verfügung. Hinzu kommen digitale Angebote, die unabhängig von Ort und Wartezeiten genutzt werden können.
Mit HautKompass® gibt es inzwischen ein kostenfreies digitales Angebot, das speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen zugeschnitten ist. Es soll Betroffene dabei unterstützen, psychische Belastungen zu erkennen, Bewältigungsstrategien zu erlernen und die eigene psychische Gesundheit aktiv zu stärken.
Wichtig ist aber auch eine realistische Einordnung: Psychodermatologie kann eine notwendige medizinische Therapie nicht ersetzen. Sie ist eine wichtige Ergänzung, die Menschen dabei unterstützt, ihre Lebensqualität zu verbessern und besser mit ihrer Erkrankung umzugehen.
Was wir aus HautKompass® lernen können
Was hat Sie bei der Arbeit am Projekt HautKompass® besonders überrascht?
Mich hat vor allem überrascht, wie groß grundsätzlich der Bedarf an niedrigschwelliger psychosozialer Unterstützung ist. Viele Menschen suchen nicht nur Informationen zu ihrer Erkrankung, sondern auch konkrete Hilfestellungen im Umgang mit psychischen Belastungen, die mit einer chronischen Hauterkrankung einhergehen können.
Gleichzeitig hat mich beeindruckt, wie unterschiedlich die Nachfrage nach dem Angebot zwischen verschiedenen Hauterkrankungen ausfiel. Die Nutzung war beispielsweise bei Menschen mit Ichthyosen, Hautkrebs oder Psoriasis besonders hoch, während sie bei Patientinnen und Patienten mit atopischer Dermatitis oder Hidradenitis suppurativa vergleichsweise geringer ausfiel.
Das ist insofern bemerkenswert, als die wissenschaftliche Evidenz auch für Erkrankungen wie Neurodermitis und Hidradenitis suppurativa zeigt, dass psychische Belastungen und Komorbiditäten wie Angststörungen oder Depressionen häufig vorkommen.
Diese Unterschiede werfen spannende Fragen auf: Welche Faktoren beeinflussen die Bereitschaft, psychosoziale Unterstützung in Anspruch zu nehmen? Welche Rolle spielen Erkrankungsmerkmale, Versorgungserfahrungen oder die Wahrnehmung psychischer Belastungen?
Positiv überrascht hat mich außerdem, dass das Angebot auch von älteren Menschen angenommen wurde. Teilweise haben Personen im Alter von deutlich über 70 Jahren an der Studie teilgenommen.
Das zeigt, dass digitale Unterstützungs- und Therapieangebote längst nicht nur für jüngere Zielgruppen relevant sind. Auch ältere Menschen verfügen zunehmend über Erfahrung im Umgang mit digitalen Technologien und sind offen für digitale Angebote, wenn diese verständlich, vertrauenswürdig und gut zugänglich gestaltet sind.
Insgesamt hat die Wirksamkeitsstudie zu HautKompass® gezeigt, dass digitale Lösungen eine wichtige Brücke schlagen können – gerade dort, wo persönliche Unterstützung nicht sofort verfügbar ist.
Warum Psychodermatologie an Bedeutung gewinnt
Psychodermatologie, Psychogerontologie und ähnliche Fachrichtungen sind nicht ganz neu, gewinnen aber zunehmend an Aufmerksamkeit. Ändert sich hier etwas im Gesundheitssystem?
Die Fachrichtungen selbst sind tatsächlich nicht neu. Neu sind eher die wachsende Erkenntnis und auch die zunehmende Akzeptanz, dass Gesundheit ganzheitlicher betrachtet werden muss.
Lange wurden körperliche und psychische Aspekte häufig getrennt behandelt. Heute wissen wir, dass viele chronische Erkrankungen nur dann wirklich gut versorgt werden können, wenn beide Seiten gemeinsam berücksichtigt werden.
Diese Entwicklung spiegelt sich zunehmend auch in medizinischen Leitlinien wider. Sie zeigt, welchen Stellenwert psychodermatologische Aspekte mittlerweile in der Dermatologie einnehmen.
Ein aktuelles Beispiel ist die S3-Leitlinie Psychosomatische Dermatologie, die aus der bisherigen S1-Leitlinie hervorgegangen ist. Die Höherstufung zur S3-Leitlinie basiert auf einer systematischen Evidenzaufarbeitung und einem strukturierten Konsensprozess und verdeutlicht die zunehmende wissenschaftliche Fundierung des Fachgebiets.
Die Leitlinie enthält für zahlreiche dermatologische Indikationen evidenzbasierte Empfehlungen zum Screening auf psychische Komorbiditäten, etwa Depressionen, Angststörungen oder andere psychosoziale Belastungen. Sie empfiehlt zudem, Betroffene bei Auffälligkeiten über weiterführende diagnostische und therapeutische Möglichkeiten aufzuklären und psychosoziale Belastungen gezielt in die Versorgung einzubeziehen.
Auch krankheitsspezifische Leitlinien greifen diese Entwicklung auf. So enthält beispielsweise die neue S2k-Leitlinie zur Versorgung der Vitiligo konkrete Empfehlungen zum Screening auf psychische Komorbiditäten wie Angst und Depression. Das trägt der Tatsache Rechnung, dass sichtbare Hautveränderungen Auswirkungen auf Lebensqualität, Selbstbild und soziale Teilhabe haben können.
Die Bedeutung dieser Entwicklung reicht inzwischen über die Dermatologie hinaus und wird auch gesundheitspolitisch zunehmend anerkannt. Ein wichtiges Signal war die Resolution der World Health Assembly aus dem Jahr 2025, mit der Hauterkrankungen erstmals als globale Public-Health-Priorität eingestuft wurden.
Die Mitgliedstaaten wurden dabei ausdrücklich aufgefordert, die Versorgung von Menschen mit Hauterkrankungen zu verbessern – nicht nur im Hinblick auf die medizinische Behandlung, sondern auch mit Blick auf die psychischen und psychosozialen Folgen dieser Erkrankungen.
Psychische Gesundheit wird in der Dermatologie damit zunehmend nicht mehr als ergänzendes Thema betrachtet, sondern als Bestandteil einer patientenzentrierten Versorgung.
Auch Innovationspreise, wie der des BVDD, können diese Entwicklung sichtbar machen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht unbedingt eine völlig neue Idee, sondern häufig die erfolgreiche Umsetzung eines ganzheitlichen Versorgungsansatzes in die Praxis. Digitale Technologien eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, solche Unterstützungsangebote niedrigschwellig und für viele Menschen zugänglich zu machen.
Was sich in der Versorgung verändern sollte
Was wünschen Sie sich langfristig für die Versorgung von Menschen mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen?
Ich wünsche mir eine Versorgung, die medizinische, psychologische und soziale Aspekte selbstverständlich zusammendenkt.
Niemand sollte das Gefühl haben, mit den Auswirkungen seiner Erkrankung allein zu sein und Monate oder sogar Jahre auf der Suche nach geeigneter Unterstützung zu sein.
In den vergangenen Jahren hat sich viel getan. Psychosoziale Belastungen und psychische Begleiterkrankungen werden zunehmend in medizinischen Leitlinien berücksichtigt.
Mein Wunsch wäre, dass die dort formulierten Empfehlungen zur psychosozialen Diagnostik und zu unterstützenden Interventionen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern flächendeckend in der Routineversorgung umgesetzt werden.
Die Berücksichtigung psychischer Gesundheit sollte nicht vom besonderen Engagement einzelner Dermatologinnen und Dermatologen oder einzelner Kliniken abhängen. Sie sollte selbstverständlicher Bestandteil einer qualitativ hochwertigen dermatologischen Versorgung sein.
Darüber hinaus wünsche ich mir, dass evidenzbasierte Unterstützungsangebote grundsätzlich allen Menschen mit chronischen Hauterkrankungen offenstehen – unabhängig davon, welche konkrete Erkrankung sie haben, wo sie leben, bei welcher Krankenkasse sie versichert sind oder welche persönlichen Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen.
Der Zugang zu psychosozialer Unterstützung sollte nicht vom Wohnort oder von strukturellen Zufällen abhängen.
Digitale Angebote wie HautKompass® können dabei helfen, bestehende Versorgungslücken zu schließen und Menschen niedrigschwellig zu erreichen. Sie sollten jedoch immer Teil eines gut vernetzten Versorgungssystems sein, das Betroffene je nach Bedarf auch an weiterführende Unterstützungsangebote vermitteln kann.
Letztlich geht es darum, nicht nur die Haut zu behandeln, sondern den Menschen als Ganzes in den Blick zu nehmen. Wenn uns das gelingt, können wir nicht nur Symptome lindern, sondern auch Lebensqualität, Teilhabe und psychisches Wohlbefinden nachhaltig verbessern.