Herr Dr. Schwichtenberg, ist Haarentfernung für Menschen mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen grundsätzlich tabu?
Dr. Schwichtenberg: Nein, ein Tabu ist sie keineswegs. Man sollte allerdings seine Erkrankung kennen und die Methode entsprechend auswählen. Grundsätzlich empfehle ich möglichst schonende Verfahren, die die Haut wenig reizen.
Frau Minni, worauf kommt es aus Ihrer Sicht besonders an?
Khushboo Minni: Der wichtigste Faktor ist die Hautbarriere. Ist sie intakt und gut gepflegt, verträgt die Haut viele Formen der Haarentfernung deutlich besser. Ist die Hautbarriere gestört, steigt nicht nur das Risiko für Hautreizungen, Entzündungen, eingewachsene Haare und Infektionen. Viele Betroffene reagieren dann auch empfindlicher auf parfümierte Produkte oder andere potenzielle Kontaktallergene.
Herr Dr. Schwichtenberg, welche Rolle spielt die jeweilige Hauterkrankung?
Dr. Schwichtenberg: Eine sehr große. Bei Psoriasis kann der sogenannte Köbner-Effekt auftreten. Das bedeutet, dass an verletzten Hautstellen neue Entzündungsherde entstehen können. Da bereits das Ausreißen einer Haarwurzel eine kleine Verletzung darstellt, ist Rasieren häufig schonender als Waxing, Epilieren oder Laserbehandlungen.
Frau Minni, Sie empfehlen häufig einen Patch-Test. Warum?
Khushboo Minni: Gerade Enthaarungscremes enthalten häufig Duftstoffe oder andere Inhaltsstoffe, die irritative oder allergische Hautreaktionen auslösen können. Deshalb ist ein Patch-Test an einer kleinen Hautstelle sinnvoll. Er hilft, das Risiko einer Unverträglichkeit besser einzuschätzen. Allerdings bietet auch ein unauffälliger Patch-Test keine hundertprozentige Sicherheit, da bei einer großflächigen Anwendung trotzdem Hautreizungen oder allergische Reaktionen auftreten können.
Herr Dr. Schwichtenberg, welche Methoden eignen sich besonders bei Neurodermitis?
Dr. Schwichtenberg: Menschen mit Neurodermitis haben häufig eine gestörte Hautbarriere und reagieren empfindlicher auf mechanische oder chemische Reize. Deshalb muss immer individuell entschieden werden, welche Methode geeignet ist.
Frau Minni, bedeutet Neurodermitis automatisch, dass auf Haarentfernung verzichtet werden sollte?
Khushboo Minni: Nein. Neurodermitis ist grundsätzlich kein Ausschlusskriterium. Entscheidend sind der aktuelle Hautzustand, die Stabilität der Hautbarriere, die Krankheitsaktivität und die individuelle Verträglichkeit. Befindet sich die Haut in einem stabilen Zustand, werden viele Methoden deutlich besser vertragen als während eines akuten Schubs.
Viele Betroffene interessieren sich für Laser oder IPL. Was sollte man dabei beachten?
Khushboo Minni: Zunächst einmal eignen sich Laser- und IPL-Verfahren nicht für jeden Hauttyp gleichermaßen. Hautfarbe, Haarfarbe und andere individuelle Faktoren beeinflussen den Behandlungserfolg. Deshalb ist eine persönliche Beratung wichtig.
Auch die Vorbereitung sollte individuell erfolgen. Die Empfehlung, vor einer Laserbehandlung keine Pflegeprodukte aufzutragen, hängt vom verwendeten Lasersystem und den Herstellerangaben ab. Gerade Menschen mit Neurodermitis benötigen häufig eine regelmäßige Basispflege. Deshalb sollte gemeinsam besprochen werden, wie die Haut optimal vorbereitet werden kann.
Frau Minni, gibt es Erkrankungen, bei denen Laserbehandlungen problematisch sein können?
Khushboo Minni: Ja. Besonders bei physikalischen Urtikariaformen ist Vorsicht geboten. Je nach Form der Erkrankung können sowohl die Wärmeentwicklung des Lasers als auch die verwendeten Kühlsysteme, etwa Kaltluft- oder Kontaktkühlung, Beschwerden auslösen. Deshalb sollte vor einer Behandlung immer individuell geprüft werden, ob ein erhöhtes Risiko besteht.
Geeignet
Rasieren ist häufig die schonendste Methode.
Sanfte Rasur mit scharfer Klinge und wenig Druck.
Haut anschließend gut pflegen.
Eher vermeiden
Waxing
Epilieren
Laserbehandlungen nur nach individueller dermatologischer Beratung.
Warum?
Bei Psoriasis kann der Köbner-Effekt auftreten: Hautverletzungen können neue Entzündungsherde auslösen.
Herr Dr. Schwichtenberg, gibt es Erkrankungen, bei denen Laser sogar Teil der Therapie ist?
Dr. Schwichtenberg: Ja. Bei Akne Inversa gehört die Laser-Haarentfernung inzwischen zu den etablierten Therapieoptionen und kann dazu beitragen, Entzündungen langfristig zu reduzieren. Für Menschen mit Vitiligo oder ausgewählten Patientinnen und Patienten mit Neurodermitis kann sie ebenfalls sinnvoll sein. Bei Psoriasis würde ich dagegen eher zurückhaltend beraten.
Frau Minni, haben Sie praktische Tipps für die Rasur?
Khushboo Minni: Aus hygienischen Gründen empfehle ich häufig Einwegrasierer. Sie können bei sachgemäßer Anwendung das Risiko einer Keimübertragung, beispielsweise mit Staphylokokken, Streptokokken oder Pseudomonaden, reduzieren. Wichtig ist aber ebenso, dass die Klinge sauber und scharf ist. Stumpfe Klingen reizen die Haut stärker und können Mikroverletzungen verursachen.
Wann sollte auf Haarentfernung verzichtet werden?
Khushboo Minni: Bei akut entzündeter Haut oder während eines ausgeprägten Schubs sollte die Haut zunächst behandelt und beruhigt werden. Anschließend kann gemeinsam entschieden werden, welche Form der Haarentfernung im individuellen Fall geeignet ist.
Dr. Schwichtenberg: Dem schließe ich mich an. Eine stabile Haut verträgt Haarentfernung in der Regel deutlich besser als eine akut entzündete Haut.
Zum Schluss: Was möchten Sie Betroffenen mitgeben?
Khushboo Minni: Schützen Sie Ihre Hautbarriere und wählen Sie die Methode, die zu Ihrer Haut passt – nicht die, die gerade im Trend ist.
Dr. Schwichtenberg: Und lassen Sie sich bei Unsicherheiten dermatologisch beraten. Jede Haut ist anders – deshalb gibt es keine Methode, die für alle gleichermaßen geeignet ist.